Lilyane Barley

Leseprobe

Tim und Sarah im Zauberbann

Kapitel 4

 

Die Zeit verrann wie im Flug, und die Sommerferien näherten sich ihrem Ende. Sarah und Tim genossen die letzten noch verbliebenen freien Tage, bevor das nächste Schuljahr begann.

Es war wieder einmal der siebte Kalendertag des Monats, und die Sonne strahlte vom Himmel herab. Sarah hatte sich mit Tim in der Eisdiele getroffen, und anschließend waren sie gemeinsam zum Hof gegangen. Sie saßen auf einem Holzbalken der Einzäumung um die Pferdekoppel und plauderten über Tims besten Freund Bastian, der morgen von seiner Ferienreise zurückkehren würde. Sarah bemerkte, dass Tim es kaum mehr erwarten konnte, sie endlich seinem Freund vorzustellen.

»Bastian wird ganz schön staunen, wenn er sieht, mit wem ich die letzten Wochen beisammen war!«, meinte Tim. »Ohne dich hätte ich mich während seiner Abwesenheit wohl ganz schön gelangweilt. – So lange war er schließlich noch nie weg!«

Sarah lächelte ihn an und hüpfte vom Holzbalken.

»Weißt du was?«, fragte sie. »Ich hätte richtig Lust,  wieder Verstecken zu spielen. Das macht hier auf dem Hof so richtig Spaß!«

»Na gut!«

Zuerst suchte Tim nach Sarah, dann Sarah nach Tim. Anschließend war er wieder an der Reihe, bis zehn zu zählen.

»Würdest du bitte ausnahmsweise dieses eine Mal ganz langsam zählen?«

»Wenn es unbedingt sein muss! Ich werde dich ja trotzdem finden!« Tim drehte sich um und hielt sich seine Augen zu.

»Oh nein, so schnell wirst du mich diesmal wohl nicht finden!«, säuselte Sarah, als sie an der Pferdekoppel vorbei und hinaus auf die weiten Wiesen lief.

Ob er wohl schon mit dem Zählen fertig war? Sie hatte ein größeres Stück zurückgelegt und blieb nur ein paar Sekunden stehen, um ihren heftigen Atem zu beruhigen.

Sarah warf einen kurzen Blick zum Hof zurück, damit sie sich vergewissern konnte, ob Tim sie vielleicht bereits entdeckt hatte und verfolgte. Da er jedoch nicht zu sehen war, lief sie geradewegs weiter bis zum Wildbach. Völlig aus der Puste kam sie bei der schmalen Holzbrücke an, die über das lebhaft plätschernde Gewässer hinüber zum Fichtenwald führte.

»Ich werde ja nicht hineingehen, sondern am Waldrand bleiben, da kann mir doch nichts Schlimmes passieren!« Wie vom Wald magisch angezogen, überquerte Sarah die Brücke. Als sie drüben beim Gehölz ankam, versteckte sie sich hinter einem breiten Tannenbaum.

Hier wird mich Tim mit Sicherheit nicht vermuten!, dachte sie. Er wird sich wundern, wenn ich ihm nachher erzähle, wo ich gewesen bin! Ein bisschen werde ich noch warten, dann laufe ich zu ihm zurück. Er soll mich ruhig noch eine Weile suchen müssen!

Doch plötzlich hörte sie ganz aus der Nähe ein Flüstern und leises Kichern. Ihr Atem stockte. Sie drehte sich um und guckte hinter das Gebüsch, konnte aber nichts entdecken.

»Ist hier jemand?«

Wieder war nur ein Flüstern zu hören.

Vorsichtig ging sie einige Schritte weiter in den Wald. Wer mochte sich hier verbergen? Sie folgte den Geräuschen und vergaß für einen Moment das Versteckspiel. Und dann bekam sie von hinten einen kräftigen Stoß und fiel zu Boden. Jemand fesselte sie an den Händen und Füßen. Als Sarah vom Sturz noch etwas benommen aufblickte, sah sie in die braunhäutige Fratze einer grässlichen, stinkenden Kreatur, die sich mit einem listigen Grinsen zu ihr herabbeugte. Das Wesen hatte lange, spitze Ohren und seine beiden unteren Schneidezähne ragten über die Oberlippe hinaus. Feuerrote Augen funkelten gefährlich unter den schwarzen, buschigen Augenbrauen hervor. »Mmm, wie lecker du riechst!«, murmelte es mit belegter Stimme, wobei es schnüffelnd seine große, krumme Nase an Sarahs Haaren hielt. Wie ekelig sein Atem roch! Sarah wurde fast übel. Sie war vor Angst wie gelähmt und wollte schreien, doch im selben Moment drückte ihr eine kräftige Pranke, deren lange Krallen sich fast in ihre Wange bohrten, den Mund zu.

»Na, was haben wir denn da Schönes?«, fragte ein Zweiter aus der räuberischen Bande und griff nach Sarahs goldener Armbanduhr, die sie von ihren Eltern zur Firmung geschenkt bekommen hatte.

»Da ist ja noch ein Kettchen und ein niedlicher, kleiner Ring!«, bemerkte ein Dritter, und schon nahmen sie ihr mit flinken Griffen die Schmuckstücke ab. Dann hüpfte die ganze Truppe spöttisch lachend zwischen den Fichten davon.

»Bitte bindet mich doch los!«, rief Sarah ihnen nach, doch die buckeligen, nur zwergengroßen Diebe kümmerten sich nicht um sie. Stattdessen lösten sie sich in einiger Entfernung mit einem Mal allesamt in Luft auf.

»Das gibt’s doch nicht! Wie können die denn so einfach unsichtbar werden?« Sarah versuchte, sich aufzusetzen, doch ein starker Schmerz am Kopf zwang sie, sich sofort wieder hinzulegen.

Was sollte sie nur tun? »Kann mir denn niemand helfen?« Sie schrie aus Leibeskräften. »Hilfe!«



 

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