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Der Zauberbann

Prolog

 


Der Abend dämmerte. Nach mehreren heißen Sommertagen
breiteten sich über einer abgeschiedenen Gegend
des Schwarzwaldes dunkle Wolken aus. Windstöße fegten
über das Land, wirbelten loses Blattwerk durch die
Lüfte und rauschten durch die düsteren Wälder.
Merkwürdige Geräusche drangen aus dem Dickicht
hervor, und unheimliche Schatten huschten durch das
Gehölz. Es hatte den Anschein, als würden einige seltsame
Wesen vor dem nahenden Wolkenbruch fliehen
wollen.
Nach Einbruch der Dunkelheit begannen die ersten
Gewitter zu toben, es goss in Strömen. Blitze zuckten
vom Firmament bis über die Berge hinunter, und der
Donner grollte durch die stürmische Nacht. Erst am
Morgen verzogen sich die Unwetter und ließen die
Landschaft in satt getränktem Grün zurück. Der Geruch
von Pilzen, feuchtem Moos und Hölzern stieg als
feiner, nebliger Dunst aus dem tiefen Forst.
Plötzlich erschallte ein aufgeregtes Geschrei mehrerer
Waldvögel. Wenige Augenblicke später nahm eine Schar
von ihnen Kurs auf das friedlich ins Tal eingebettete
Städtchen. Ihr Ziel war das Krankenhaus, über dessen
Dach sie wie in einem magischen Ritual siebenmal im
Kreis flogen. Dann verteilten sie sich auf den Ästen der
Bäume im Park vor dem Eingang zum Krankenhaus.
Hier verharrten die Vögel, als würden sie auf ein besonderes
Ereignis warten. Menschen, deren Weg an
diesem Morgen durch den Park führte, wunderten sich
über das Spektakel dieser verschiedenen Vogelarten und
über ihr seltsames Verhalten. Vom Specht über den
Kuckuck, den Waldkauz bis zum Habicht waren alle
anwesend. Jeder, der stehen blieb und dem Federvieh
seine Aufmerksamkeit schenkte, spürte die von Zauberkräften
durchzogene Stimmung, die in der Luft lag.
Kurz darauf näherte sich ein geheimnisvoller Nebelhauch
dem leicht geöffneten Fenster der Entbindungsstation.
Wie von Geisterhand geführt, schwebte er durch
den schmalen Spalt in den Raum. Mit seinem Duft aus
Myrrhe, Weihrauch und Sandelholz umgarnte er sanft
zwei Gebärende.
Es war der siebte Tag des siebten Kalendermonats.
Genau in dem Augenblick, als die Kirchturmuhr siebenmal
schlug, erblickten ein Junge und ein Mädchen das
Licht der Welt. Geprägt von dem mit ihrem ersten
Atemzug aufgenommenen mystischen Äther und der
magischen Sieben sollte nunmehr für beide ein außergewöhnlicher
Lebensweg beginnen.

 

Kapitel 4



Die Zeit verrann wie ihm Flug, und die Sommerferien
näherten sich ihrem Ende. Sarah und Tim genossen die
letzten noch verbliebenen freien Tage, bevor das nächste
Schuljahr begann.
Es war wieder einmal der siebte Kalendertag des
Monats, und die Sonne strahlte vom Himmel herab.
Sarah hatte sich mit Tim in der Eisdiele getroffen und
anschließend waren sie gemeinsam zum Hof gegangen.
Sie saßen auf einem Holzbalken der Einzäumung um die
Pferdekoppel und plauderten über Tims besten Freund
Bastian, der morgen von seiner Ferienreise zurückkehren
würde. Sarah bemerkte, dass Tim es kaum mehr erwarten
konnte, sie endlich seinem Freund vorzustellen.
»Bastian wird ganz schön staunen, wenn er sieht, mit
wem ich die letzten Wochen beisammen war!«, meinte
Tim. »Ohne dich hätte ich mich während seiner Abwesenheit
wohl ganz schön gelangweilt. – So lange war
er schließlich noch nie weg!«
Sarah lächelte ihn an und hüpfte vom Holzbalken.
»Weißt du was?«, fragte sie. »Ich hätte richtig Lust,
einmal wieder Verstecken zu spielen. Das macht hier
auf dem Hof bestimmt eine Menge Spaß!«
Zuerst suchte Tim nach Sarah, dann Sarah nach Tim.
Anschließend war er wieder an der Reihe, bis zehn zu
zählen.
»Würdest du bitte ausnahmsweise dieses eine Mal
ganz langsam zählen?«
»Wenn es unbedingt sein muss! Ich werde dich ja
trotzdem finden!« Tim drehte sich um und hielt sich
seine Augen zu.
»Oh nein, so schnell wirst du mich diesmal wohl nicht
finden!«, säuselte Sarah, als sie an der Pferdekoppel vorbei
und hinaus auf die weiten Wiesen lief.
Ob er wohl schon mit dem Zählen fertig war? Sie
hatte ein größeres Stück zurückgelegt und blieb nur ein
paar Sekunden stehen, um ihren heftigen Atem zu beruhigen.
Sarah warf einen kurzen Blick zum Hof zurück, damit
sie sich vergewissern konnte, ob Tim sie vielleicht bereits
entdeckt hatte und verfolgte. Da er jedoch nicht zu
sehen war, lief sie geradewegs weiter bis zum Wildbach.
Völlig aus der Puste kam sie bei der schmalen Holzbrücke
an, die über das lebhaft plätschernde Gewässer
hinüber zum Fichtenwald führte.
»Ich werde ja nicht hineingehen, sondern am Waldrand
bleiben, da kann mir doch nichts Schlimmes passieren!
« Wie vom Wald magisch angezogen überquerte
Sarah die Brücke. Als sie drüben beim Gehölz ankam,
versteckte sie sich hinter einem breiten Tannenbaum.
Hier wird mich Tim mit Sicherheit nicht vermuten, dachte
sie. Er wird sich wundern, wenn ich ihm nachher erzähle, wo ich
gewesen bin! Ein bisschen werde ich noch warten, dann laufe ich
zu ihm zurück. Er soll mich ruhig noch eine Weile suchen
müssen!
Doch plötzlich hörte sie ganz aus der Nähe ein
Flüstern und leises Kichern. Ihr Atem stockte. Sie
drehte sich um und guckte hinter das Gebüsch, konnte
aber nichts entdecken.
»Ist hier jemand?«
Wieder war nur ein Flüstern zu hören.
Vorsichtig ging sie einige Schritte weiter in den Wald.
Wer mochte sich hier verbergen? Sie folgte den Geräuschen
und vergaß für einen Moment das Versteckspiel.
Und dann bekam sie von hinten einen kräftigen Stoß
und fiel zu Boden. Jemand fesselte sie an den Händen
und Füßen. Als Sarah vom Sturz noch etwas benommen
aufblickte, sah sie in die braunhäutige Fratze einer
grässlichen, stinkenden Kreatur, die sich mit einem listigen
Grinsen zu ihr herabbeugte. Das Wesen hatte lange,
spitze Ohren und eine große, krumme Nase. Feuerrote
Augen funkelten gefährlich unter den schwarzen, buschigen
Augenbrauen hervor.
Sarah war vor Angst wie gelähmt und wollte schreien,
doch im selben Moment drückte ihr eine kräftige Pranke,
deren lange Krallen sich fast in ihre Wange bohrten, den
Mund zu.
»Na, was haben wir denn da Schönes?«, fragte ein
Zweiter aus der räuberischen Bande und griff nach
Sarahs goldener Armbanduhr.
»Da ist ja noch ein Kettchen und ein niedlicher,
kleiner Ring!«, bemerkte ein Dritter, und schon nahmen
sie ihr mit flinken Griffen die Schmuckstücke ab. Dann
hüpfte die ganze Truppe spöttisch lachend zwischen
den Fichten davon.
»Bitte bindet mich doch los!«, rief Sarah ihnen nach,
doch die buckeligen, nur zwergengroßen Diebe kümmerten
sich nicht um sie. Stattdessen lösten sie sich in
einiger Entfernung mit einem Mal allesamt in Luft auf.
Sarah versuchte, sich aufzusetzen, doch ein starker
Schmerz am Kopf zwang sie, sich sofort wieder hinzulegen.
Was sollte sie nur tun? »Kann mir denn niemand
helfen?« Sie schrie aus Leibeskräften. »Hilfe!«